Kommentar: Der Reiter macht den Unterschied

Die Weltreiterspiele von Tryon waren von Anfang an ein ambitioniertes Projekt. Abgesehen davon, dass auch am Ende der ersten Woche der WEG die Anlage immer noch eine Baustelle ist, kann die Veranstaltung auch im Hinblick auf die Organisation nicht glänzen. Sturmtief Florence wurde lange im Vorfeld auf dem Atlantik entdeckt, es stand schon früh fest, dass es sich zu einem Hurrikan entwickeln und Kurs auf North Carolina nehmen würde. Ebenso war bekannt, dass es in diesem September erheblich wärmer war, als es sonst üblich ist. Punkte, die bei der Planung, der Prüfungen durchaus hätten berücksichtigt werden können - oder besser gesagt hätten berücksichtigt werden müssen. Ein ausgefeilter Plan B für einige Prüfungen wäre daher ein schlüssiger Schritt gewesen. Sowohl das Chaos rund um den Distanzrit, wie auch die Absage der Grand Prix Kür wären dann vermeidbar gewesen. Im Hinblick auf den Distanzritt muss man sagen: Am Ende ist es aber immer der Reiter, der sein Pferd an den Start bringt und damit auch die Verantwortung für sein Pferd trägt.



Die Weltreiterspiele von Tryon sind in der Kritik. Doch unabhängig davon, wie schlecht die Organisation tatsächlich ist, bleibt es stets dem Reiter überlassen, sein Pferd von einer Prüfung zurückzuziehen. Die deutschen Springreiter haben beim Nationenpreis von St. Gallen, Schweiz, im Jahr 2013 entschieden aufgrund der Bodenbedingungen nicht zu reiten. Das hatte Konsequenzen. Doch die Entscheidung war richtig. Den Mut derart unbequeme Entscheidungen zu treffen und die Folgen in Kauf zu nehmen, ist im Reitsport gefordert. Selbstverständlich fällt eine solche Entscheidung schwer. Wenn es um einen Nationenpreis geht, erst recht aber wenn es sich um einen Start bei den Weltreiterspielen handelt. 
Kaum ein Reiter, der ein sehr gutes Pferd hat, möchte die Gesundheit seines Pferdes aufs Spiel setzen. In Tryon war durch die mehrfach vorhergesagten Regenfällen stets damit zu rechnen, dass der Boden vielleicht etwas leidet. Dass es heiß werden kann und dabei eine hohe Luftfeuchtigkeit auftreten kann, war nach den ersten Tagen auch klar. Julia Krajwwski äußerte nach dem Plan für das Gelände gefragt, dass man erst einmal abwarten müsse wie die Bedingungen sind, und dann müsse man sehen was machbar ist. Eventuell etwas Tempo rausnehmen. Zum Zeitpunkt dieser Aussage war sie bereits die Führende des Rankings nach der Dressur und hatte durchaus etwas zu verlieren. Genau so muss es sein. Der Reiter muss sich die Bedingungen ansehen und daran gemessen entscheiden, was er seinem Pferd zumuten will und welches Risiko er lieber nicht eingehen möchte. Einige Distanzreiter haben nach der Ankündigung des Neustarts am Mittwochvormittag bereits geäußert, dass sie der Meinung seien, der Ritt solle abgesagt werden. Es werde nach dem späten Neustart zu heiß. Da muss die Frage erlaubt sein, warum kein einziger Reiter sein Pferd zurückgezogen hat.
Ganz offensichtlich wird in einigen Ländern das Pferdewohl nicht ganz so hoch gehalten wie es in Europa in der Regel der Fall ist. In manchen Nationen werden Pferde, die beim Distanzritt ausfallen beim nächsten Start einfach durch andere ersetzt. Trotzdem oder gerade deshalb sollten Reiter mit einer anderen Einstellung den Mut aufbringen, sich für ihre Pferde stark zu machen. Je mehr Reiter dem gemäß entscheiden und handeln, desto mehr Einfluss haben sie auf die Marschrichtung des Sports. Und die Veranstalter sind letzten Endes gefordert diese Marschrichtung zu unterstützen. Auch wenn es dann vielleicht darauf hinausläuft, dass ein zahlungskräftiger Sponsor nicht glücklich ist. Derzeit läuft der gesamte Reitsport Gefahr durch den Distanzsport in Verruf zu geraten. Der Ruf nach Entscheidungen der FEI, bzw. dem Auscchluss von Nationen, die dem pferdegerechten Verhalten bei Distanzritten nicht gerecht werden, sind sicher ein denkbarer Ansatz. Doch bis derartige Möglichkeiten umgesetzt sind, hat es jeder Reiter selbst in der Hand. Der Reiter macht den Unterschied. Und dieser Verantwortung muss er sich bei jedem Ritt aufs Neue bewusst sein.